INNENANSICHTEN
Mit
60 Jahren ist mein Herz schon ein wenig verblüht. Meine Gedanken verknüpfen sich
immer gezielter mit den Assoziationen meiner Erinnerungen, so dass die Freiheit
des Handelns nicht mehr Vergangenheitstunabhängig ist.
Single - Choice -Texte findet man ab einem gewissen Alter idiotisch.
Irgendwann weiß man, dass die meisten Fragen mehrere Antworten bzw. multiple
Choice haben und dass
unauflösliche Widersprüche zur Realität gehören, ja sogar besondere
Erkenntnismöglichkeiten bieten.
Erkenntnisse aus Zuversicht und Lebensfreude prägten mich als distanzierten
Menschenfreund, Meine Lebensphilosophie der distanzierten Zuversicht, findet
ihren Ursprung in der familiären Geborgenheit und in meiner jugendlichen
Spontaneität und Abenteuerlust. In den zwischenmenschlichen Liebes-Beziehungen
entfaltete sich diese Zuversicht zu einem Gefühl der Nächstenliebe und
selektierte im zunehmenden Alter in eine Tollerands der Unterschiede. Wer es
dabei schafft, die Kunst der Einschränkung zu erlernen, um sich auf das Wichtige
zu konzentrieren -und manches Liebgewonnne an den Nagel hängt -, steigert damit
sein Wohlbefinden.
Meine analytische Faszination für kosmische Phänomene basiert auf der Tatsache,
dass alle Ereignisse einen universellen Ursprung beinhalten. Auch wenn vieles
ganz anders ist als wir/ich es wahrnehmen, sind wir ein Teil dieser universellen
Evolution, was viel bedeutender ist als ihre Interpretation.
Machen wir uns einmal bewusst, dass der Zufall es so wollte, dass der
Sternenstaub, der unser Leben zur Geburt verhalf, auf unserem Planeten landete.
Und nicht genug, auch unser Stammbaum, dessen Ursprung vor etwa vier Milliarden
Jahren aus einem Bakterium seinen evolutionären Anfang fand und wahrscheinlich
als primitives Kriechtier zu einem Menschenaffen mutierte, um uns zu dem werden
zu lassen was wir heute sind. Es ist, vorsichtig formuliert, ein einmaliger
evolutionärer Glücksfall. Eine ununterbrochene Reihe von Zygoten und
Zellteilungen haben unsere Gene viele Millionen Generationen überlebt. Immer
haben unsere Zellen es geschafft sich zuerst zu zell- teilen. Wenn nur ein
einziges Individuum vor erreichen der Geschlechtsreife zu Grunde gegangen wäre,
dann hätten unsere Sinne diese Welt nie wahrgenommen. Dieses einmalige Ereignis
ist nicht nur das Wunder der Schöpfung, sie beinhaltet auch die evolutionäre
Botschaft, dass die Nachkommenschaft und damit die jeweilige Gattung Mensch
unwiderruflich ausstirbt, wenn sie durch Unfruchtbarkeit oder durch Unterlassung
der Zellbefruchtung unterbrochen wird.
Wenn auch meine Nachkommenschaft durch zwei Söhne ihren evolutionären Fortgang
sicherstellt, so stellt sich dennoch die Frage: Wenn es nur um die Fortpflanzung
geht, dann hätten wir doch ein Bakterium bleiben können, warum dieser Aufwand?
Die Tatsache, dass die kosmische Evolution nur durch den Neubeginn und dessen
Vervielfältigung geprägt ist, dass universelle Ereignisse aus Bewegungen in Zeit
und Raum entstehen, dessen Dimensionen unser Verständnis übersteigen, zeigt: das
Sinn und Sinnlosigkeit evolutionärer Ereignisse keine moralische oder
ökonomische Vernunft voraussetzen, sondern die Ergebnisse eines universellen
Zufalls darstellt . Eine Abwägung nach Aufwand und Nutzen würde die Spontaneität
des Zufalls und dessen natürlicher Vielfältigkeit widersprechen. Jede (Gen)-
Manipulation verletzt die Freiheit des ungewollten und damit die Möglichkeit des
Unmöglichen. Die Natur manipuliert nicht, sie besitzt die Weisheit, einer
Jahrmillionen alten Evolutionsepoche, die durch ihre Fähigkeit der symbiotischen
Anpassung überlebt hat. Ihre Existenz basiert nicht nach dem Streben der
Vollkommenheit sondern der
Vielfältigkeit.
Nur der Mensch kann mit
seinem „Ich-Verständnis“ die Frage stellen: war der Urknall und die damit
eingeleitete Evolution ein sinnloses Ereignis, oder der Schöpfungsbeginn einer
menschlichen Entwicklung?
Persönlich glaube ich, dass man auch in dem was man nicht versteht einen Sinn
sehen kann. Denn die Welt, so verkünden viele Philosophen, ist ein
Gedankenunabhängiges Gebäude. Die Suche nach dem Sinn der Dinge lassen sich
nicht durch die Interpretation unserer Wahrnehmung erklären. Allein die
Metaphysik, zwischen der Illusion des Verstandes und dem Sein der Vernunft,
zeigt, dass Objektivität nur hypothetisch sein kann. Fakt ist, dass der Mensch,
als ein universelles Zufallsprodukt, dazu verbannt ist, sein manipuliertes Ich
zwischen der Abhängigkeit seiner Bedürfnisbefriedigung und der Suche nach
Selbstverwirklichung, immer neu zu bestimmen. Diese subjektive Selbstbestimmung
basiert auf den, für unser emotionales überleben, wichtigen Grundbedürfnissen:
Schutz, Geborgenheit, Anerkennung und Liebe. Die daraus resultierende
Leidenschaft unserer unstillbaren Neugier nach Erkenntnis, treibt uns seit
Uhrzeiten dazu nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Bei der Suche nach den
Antworten auf diese Urfrage gelangen wir an neue Grenzen mit der alten
Erkenntnis unserer Unwissenheit. Die innere Freiheit verliert sich dabei auf
Kosten unserer Leidenschaft.
Ist der Zwiespalt zwischen Ich und Über-Ich, zwischen leben wollen und sterben
müssen,dass göttliche (universelle) Erbe,
das unser Leben lebenswert macht und die Evolution der Menschheit voran treibt?
Wilfried Louis 2011
2005 Wilfried Louis
Wilfried Louis Dezember / 2011 © Copyright zurück