INNEN
ANSICHTEN
Mit 55 Jahren ist mein
Herz schon ein wenig verblüht. Meine Gedanken verknüpfen sich immer
gezielter mit den Assoziationen meiner Erinnerungen, so dass die Freiheit des
Handelns nicht mehr Vergangenheitstunabhängig ist.
Multiple - Choice
-Texte findet man ab einem gewissen Alter idiotisch. Irgendwann weiß man,
dass die meisten Fragen mehrere Antworten haben und das unauflösliche
Widersprüche zur Realität gehören, ja sogar besondere Erkenntnismöglichkeiten
bieten.
Erkenntnisse aus Zuversicht und Lebensfreude prägten mich
als distanzierten Menschenfreund, Meine Lebensphilosophie
der distanzierten
Zuversicht, findet ihren
Ursprung in der familiären Geborgenheit und in meiner jugendlichen Spontaneität
und Abenteuerlust. In den zwischenmenschlichen Liebes-Beziehungen
entfaltete sich diese Zuversicht zu einem Gefühl der Nächstenliebe und
selektierte im zunehmenden Alter in eine Tollerands der Unterschiede. Wer es
dabei schafft, die Kunst der Einschränkung zu erlernen, um sich auf das Wichtige
zu konzentrieren -und manches Liebgewonnne an den Nagel hängt -, steigert damit
sein Wohlbefinden.
Meine analytische Faszination für kosmische Phänomene basiert auf
der Tatsache, dass alle Ereignisse einen universellen Ursprung beinhalten. Auch
wenn vieles ganz anders ist als wir/ich es wahrnehmen, sind wir ein Teil dieser
universellen Evolution, was viel bedeutender ist als ihre
Interpretation.
Machen wir uns einmal bewusst, dass der Zufall es so wollte,
dass der Sternenstaub, der unser Leben zur Geburt verhalf, auf unserem Planeten
landete. Und nicht genug, auch unser Stammbaum, dessen Ursprung vor etwa vier
Milliarden Jahren aus einem Bakterium seinen evolutionären Anfang fand und
wahrscheinlich als primitives Kriechtier zu einem Menschenaffen mutierte, um uns
zu dem werden zu lassen was wir heute sind. Es ist, vorsichtig formulieret, ein
einmaliger evolutionärer Glücksfall. Eine ununterbrochene Reihe von Zygoten und
Zellteilungen haben unsere Gene viele Millionen Generationen überlebt. Immer
haben unsere Zellen es geschafft sich zuerst zu zell- teilen. Wenn nur ein
einziges Individuum vor erreichen der Geschlechtsreife zu Grunde gegangen wäre,
dann hätten unsere Sinne diese Welt nie wahrgenommen. Dieses einmalige
Ereignis ist nicht nur das Wunder der Schöpfung, sie beinhaltet auch die
evolutionäre Botschaft, dass die Nachkommenschaft und damit die jeweilige
Gattung Mensch unwiderruflich ausstirbt, wenn sie durch Unfruchtbarkeit oder
durch Unterlassung der Zellbefruchtung unterbrochen wird.
Wenn auch meine
Nachkommenschaft durch zwei Söhne ihren evolutionären Fortgang sicher stellt, so
stellt sich dennoch die Frage: Wenn es nur um die Fortpflanzung geht, dann
hätten wir doch ein Bakterium bleiben können, warum dieser Aufwand?
Die
Tatsache, dass die kosmische Evolution nur durch den Neubeginn und dessen
Vervielfältigung geprägt ist, dass universelle Ereignisse aus Bewegungen in Zeit
und Raum entstehen, dessen Dimensionen unser Verständnis übersteigen, zeigt: das
Sinn und Sinnlosigkeit evolutionärer Ereignisse keine moralische oder
ökonomische Vernunft voraussetzen, sondern die Ergebnisse eines universellen
Zufalls darstellt . Eine Abwägung nach Aufwand und Nutzen würde die Spontaneität
des Zufalls und dessen natürlicher Vielfältigkeit widersprechen. Jede
(Gen)Manipulation verletzt die Freiheit des ungewollten und damit die
Möglichkeit des Unmöglichen.
Nur der Mensch kann mit seinem Ich-Verständnis
die Frage stellen; war der Urknall und die damit eingeleitete Evolution ein
sinnloses Ereignis oder der Schöpfungsbeginn einer menschlichen
Entwicklung?
Persönlich glaube ich, dass man auch in dem was man nicht
versteht einen Sinn sehen kann. Denn die Welt, so verkünden viele Philosophen,
ist ein Gedankenunabhängiges Gebäude. Die Suche nach dem Sinn der Dinge lassen
sich nicht durch die Interpretation unserer Wahrnehmung erklären. Allein die
Metaphysik, zwischen der Illusion des Verstandes und dem Sein der Vernunft,
zeigt, dass Objektivität nur hypothetisch sein kann. Fakt ist, dass der Mensch,
als ein universelles Zufallsprodukt, dazu verbannt ist, sein manipuliertes Ich
zwischen der Abhängigkeit seiner Bedürfnisbefriedigung und der Suche nach
Selbstverwirklichung immer neu zu bestimmen. Diese subjektive
Selbstbestimmung basiert auf den angeborenen Grundbedürfnissen von: Schutz,
Geborgenheit, Anerkennung und Liebe. Die Leidenschaft unserer unstillbaren
Neugier treibt uns seit Uhrzeiten dazu nach dem Sinn des Lebens zu fragen.
Bei der Suche nach den Antworten auf diese Urfrage gelangen wir an neue Grenzen
mit der alten Erkenntnis unserer Unwissenheit. Die innere Freiheit verliert sich
dabei auf Kosten unserer Leidenschaft.
Ist der Zwiespalt zwischen Ich und
Über-Ich das göttliche, dass unser Leben lebenswert macht und die Evolution der
Menschheit voran treibt?
2005 Wilfried Louis
Wilfried Louis Dezember / 2005 © Copyright zurück